
Bei Unilever sind wir darum bemüht, unseren Verbrauch an Primärkunststoffen zu senken, indem wir mehr PCR-Kunststoffe verwenden – Kunststoffe also, die bei Endverbraucherinnen bereits im Abfall gelandet sind und recycelt wurden.
Doch was wie ein direkter Materialtausch klingt, ist in Wirklichkeit ein extrem komplexes Unterfangen. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Um zu verstehen, wo das Problem liegt, haben wir mit Dion Moran und Severine Mongauze gesprochen, die in den globalen Teams für Forschung und Entwicklung bzw. nachhaltige Beschaffung tätig sind.
- Warum ist es so wichtig, auf recycelte Kunststoffe umzustellen?
Dion: Der Einsatz von PCR steigert die Nachfrage nach der Sammlung und Wiederverwertung von Verpackungen, was wiederum den Nachschub für die Herstellung von PCR-Verpackungen sichert. So bleiben die Kunststoffe im wirtschaftlichen Kreislauf und landen nicht in der Umwelt. Neben leichteren Verpackungen, alternativen Materialien und wiederverwendbaren, neu befüllbaren Modellen ist die zunehmende Verwendung von PCR-Kunststoffen ein elementarer Punkt, wenn wir weniger Primärkunststoffe verbrauchen möchten.
Severine: PCR hat oftmals einen geringeren CO2-Fußabdruck als aus fossilen Energieträgern hergestellte Primärkunststoffe und ist damit eine Möglichkeit, die Treibhausgasemissionen und das Abfallaufkommen zu reduzieren. Außerdem hilft der Einsatz von PCR den Unternehmen dabei, die zunehmend strengeren gesetzlichen Auflagen zu Recyclingquoten in Verpackungen zu erfüllen.
- Wie funktioniert das Recycling von Kunststoffen?
Severine: Gebrauchte Kunststoffe werden gesammelt, sortiert und gereinigt und schließlich eingeschmolzen und zu Flocken und Granulat verarbeitet, aus denen dann wieder etwas Neues entstehen kann. Zum größten Teil erfolgt das Recycling auf mechanischem Wege, aber es gibt auch anspruchsvollere Methoden. In diesem Prozess kommt es auf jeden einzelnen Teil der Wertschöpfungskette an – von den Abfallbeseitigungsbetrieben und Abfallsammelstellen bis hin zu den Unternehmen, die die Kunststoffströme koordinieren, bündeln und recyceln.
Dion: Alle PCR-Materialien müssen bei uns strenge Tests durchlaufen, denn wir möchten sicherstellen, dass sie die gleichen Eigenschaften haben wie neuwertige Materialien und bei Verpackungssicherheit und Leistung den gleichen Standards entsprechen wie Primärkunststoffe. Es handelt sich um einen technisch anspruchsvollen Beschaffungs- und Innovationsprozess, der ohne eine gute Zusammenarbeit mit unserer Lieferkette nicht möglich wäre.

- Welche Fortschritte sind bei Unilever im Bereich der PCR-Materialien zu verzeichnen?
Dion: Seit 2019 konnten wir unseren Einsatz an Primärkunststoffen um 23 % reduzieren – heute bestehen mehr als 21 % unserer Plastikverpackungen aus PCR-Materialien. Viele unserer Power Brands, wie Hellmann‘s, Dove und Dirt Is Good, setzen sie in sehr hohem Maße ein.
Severine: Durch die Steigerung des PCR-Anteils und die physische Sammlung ist es uns im Jahr 2024 gelungen, 93 % unseres Plastikverpackungs-Fußabdrucks zu sammeln und zu verarbeiten. Über lokale Partnerschaften und die Beteiligung an Programmen zur erweiterten Herstellerverantwortung setzen wir uns auch weiterhin für die Sammlung von Verpackungen ein und testen zugleich ständig neue Materialien und Technologien, um den PCR-Anteil noch mehr auszubauen.
- Wo liegen die größten Herausforderungen, wenn man mehr PCR-Materialien einsetzen möchte?
Severine: In der Beschaffung von hochwertigen PCR-Materialien. Angebot und Nachfrage sind begrenzt, was in Kombination mit komplexen Marktdynamiken dazu führt, dass PCR teurer ist als Primärkunststoffe. Deshalb brauchen wir neue Recyclingtechnologien und gut durchdachte Vorschriften wie die erweiterte Herstellerverantwortung – um Anreize für die Sammel-, Sortier- und Recyclinginfrastruktur zu schaffen und das Angebot zu verbessern.
Dion: Es ist aber nicht allein damit getan, einfach PCR anstelle von Primärkunststoffen zu verwenden – vielmehr ist das eine komplexe technische Herausforderung. Die Qualität der PCR-Materialien schwankt sehr stark – je nachdem, wie sie gesammelt, sortiert und verarbeitet wurden. Bei Verpackungen für Lebensmittel, Kosmetika und Körperpflegeprodukte müssen die PCR-Materialien den gleichen Sicherheits-, Leistungs und Regulierungsstandards genügen wie Primärkunststoffe.
- Wie können sich diese Probleme in der Praxis auf Verpackungen auswirken?
Severine: Ein Punkt ist die Farbe. Selbst sehr hochwertiges PCR-Material mit Lebensmittelqualität kann grau aussehen, wenn es einige Male verarbeitet wurde. Als wir bei unseren Hellmann‘s-Mayonnaiseflaschen nach Lieferengpässen auf ein anderes PCR-Granulat umgestellt haben, haben zahlreiche Verbraucherinnen gedacht, das Produkt wäre nicht in Ordnung, weil es so einen Graustich hatte. Wir haben auf zusätzlichen Etiketten erläutert, wie es zu dieser farblichen Veränderung gekommen ist, aber es hat uns noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie wichtig das Aussehen und die Farbe einer Verpackung sind.
Dion: Es ist ein Balanceakt. Ein Material mag nachhaltiger sein, aber wenn es das Produkt nicht schützt oder sich für die Verbraucherinnen merkwürdig anfühlt, wird es nicht funktionieren. Bei Domestos müssen wir beispielsweise sicherstellen, dass die kraftvolle Formulierung keine negativen Auswirkungen auf die Unversehrtheit und Sicherheit der Verpackung hat. Und bei komplexen Verpackungskomponenten wie Deodorant-Sticks arbeiten wir eng mit Lieferanten zusammen, um den Herstellungsprozess zu optimieren und Texturfehler zu beseitigen.

- Wie geht Unilever diese Herausforderungen an?
Severine: Wir arbeiten mit unserem Netzwerk aus 60 Lieferanten daran, eine zuverlässige Belieferung sicherzustellen. Wir binden technische Expertinnen in die Beziehungen zu Lieferanten ein, um technische Probleme zu lösen und gemeinsam neue Recycling- und Fertigungsprozesse zu entwickeln. In den USA, Kanada und Brasilien haben wir neue Ressourcen zur Sortierung, Reinigung und Mischung von Granulaten aufgebaut, um den Graustich zu beseitigen und transparente Verpackungen zu fertigen. Das hat dazu geführt, dass wir die Squeezer-Flaschen und Gefäße für Hellmann‘s auf diesen Märkten zu 50–100 % aus PCR-Materialien herstellen können – eine Umstellung, die bereits ca. 17.000 Tonnen Primärkunststoff eingespart hat.[a]
Dion: In unserem globalen Forschungs- und Entwicklungszentrum für Verpackungen setzen unsere Materialwissenschaftlerinnen auf fortschrittliche Testverfahren, um PCR-Materialien auf molekularer Ebene zu verstehen. Außerdem versuchen sie, mit Hilfe von digitalen Tools Prognosen zum Verhalten und der Farbe abzugeben. So werden keine Prototypen mehr benötigt, was die Entwicklungszeit verkürzt. In unserem Advanced Manufacturing Centre – unserer Pilotanlage für interne Tests – arbeiten wir daran, unsere Werkstoffe und Designs virtuell zu optimieren, bevor wir sie auf den Markt bringen. Auch das senkt den Bedarf an physischen Tests und Werksprüfungen.
- Was begeistert Sie am meisten, wenn Sie über die Zukunft nachhaltiger Verpackungslösungen nachdenken?
Dion: Die Recyclingtechnologien entwickeln sich rasant weiter und eröffnen damit neue Möglichkeiten, die Qualität und die Effizienz zu verbessern. Um sie im großen Maßstab einsetzen zu können, brauchen wir Innovation und Zusammenarbeit innerhalb der Wertschöpfungskette, aber auch behördliche Genehmigungen und günstige Rahmenbedingungen, die die Nachfrage fördern, die Akzeptanz beschleunigen und die Bedingungen und die Infrastruktur für eine großflächige Umsetzung schaffen. Ich bin optimistisch und freue mich darüber, dass diese Prozesse an Schwung gewinnen.
Severine: Abfallspezifische Software- und KI-Tools können hier bahnbrechend sein und uns in Echtzeit zeigen, wie Verpackungen sortiert und recycelt werden. Wie alle neuen Technologien und Lösungen müssen aber auch diese Tools flächendeckend zum Einsatz kommen und durch günstige Rahmenbedingungen gestützt werden, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Noch steckt das alles in den Kinderschuhen, aber es ist ein wirklich faszinierender Bereich.
Mit Ausnahme von Kappen und Verschlüssen. Berechnung von Unilever, basierend auf der von Dezember 2024 bis November 2025 erworbenen Menge an PCR-Materialien.
